Tinka – Ein neues Zuhause für ein schüchternes Kätzchen

 

Seit November letzten Jahres haben wir ein neues Familienmitglied, das liebe Katzenmädchen Tinka.

Als ich Tinka das erste Mal im Katzenhaus in Schalkenbach traf, war mir eigentlich schon klar, dass das kleine Kätzchen bei uns einziehen würde. Auf dem Foto, das ich im Internet von Tinka gesehen hatte, guckte sie so klug, offen und lieb in die Kamera, dass mich nichts davon hätte abbringen können. Als ich ihre bisherige Lebens- geschichte las, dachte ich nur, dass ein schüchternes Kätzchen gut zu uns passen würde, da wir alle, wenn wir neue Leute kennen lernen, eher zurückhaltend sind. Wenn man sich länger kennt, ändert sich das…Das gilt auch für unseren gutmütigen Kater, dessen Kameradin Tinka werden sollte.

So machte es mir nicht viel aus, dass die Kleine im Katzenhaus auf dem obersten Schrank saß, als ich dort war, so dass ich von unten eigentlich nur ihr hübsches grau-beige-schwarz getigertes Bäuchlein bewundern konnte. Nachdem ich ihr länger gut zugeredet hatte – auf einem Stuhl stehend wohlgemerkt – schleckte sie vorsichtig ein Leckerchen aus meiner Hand. Näherer Kontakt war von Seiten der Dame damals aber nicht gewünscht. Das konnte ich verstehen, hätte ich an Ihrer Stelle auch nicht gemacht. Man weiß ja nie…

Vor Freude ganz aufgeregt und auch ein bisschen besorgt, ob wir das Katzenherz für uns gewinnen würden können, fuhr ich nach Hause. In den nächsten Tagen bereiteten wir Tinkas Zimmer vor. Es wurden ältere Teppiche ausgelegt, Kuschelecken eingerichtet, Körbchen aufgestellt, ein Katzenturm angeschafft und das Lieblingsfutter besorgt. Sogar einen Schreibtisch stellten wir ins Zimmer, damit die Kleine tagsüber Gesellschaft haben würde. Ich wollte dort mein Home Office aufschlagen, damit das Kätzchen sich an mich gewöhnte. Warum sollte die Corona-Krise nicht auch mal von Vorteil sein, selbst wenn man nur einer kleinen Miezekatze das Eingewöhnen erleichtern konnte. Schließlich hängten wir überall Zettel auf, damit niemand gedankenlos Türen und Fenster offen ließ oder öffnete, die das Kätzchen gefährden (Kippfenster) oder zur Flucht verleiten konnten.

Dann war es soweit. Tinka wurde von ihrer Katzenpatin vom Katzenhaus zu uns gebracht. Wir ließen sie gespannt aus ihrer Transportbox …und die Kleine verschwand sofort blitzschnell unter dem Sofa. Dann kam sie nochmal kurz hervor…und verschwand ausgerechnet unter der Kommode, die den schmalsten Spalt zum Boden offenließ! Auch nach einiger Zeit – wir hatten eine kleine Kaffeerunde eingelegt – blieb es dabei. Das Kätzchen versteckte sich.

Auch am nächsten Tag änderte sich das nicht. Ich war froh, die alten Teppiche auf den Fliesenboden gelegt zu haben, denn ich lag selbst stundenlang auf der Erde und redete mit der Kommode. Tinka konnte man darunter nur erahnen. Sie muss aber ihr Versteck zwischendurch verlassen haben, ihr Napf war immer wieder leer. Übernachtet hat sie einmal im Katzenturm – übrigens danach nie wieder – aber ansonsten war von ihr auch am zweiten Tag nicht viel zu sehen.

Am dritten Tag hatte ich mich wieder auf einsame Monologe auf der Erde eingerichtet und erzählte gerade von meiner Kindheit, als ich auf einmal ein schnurrendendes Maunzen hörte und dann sah, wie sich eine kleine Katze auf dem Bauch mit den Pfoten vorwärts unter der Kommode hervorschob, direkt zu mir kam und dann vor mir intensiv immer wieder am Couchtisch vorbeistrich. Bei mir traute sie sich das wohl noch nicht. Mit dem Couchtisch hatte sie aber jede Menge Arbeit. Ich durfte aber immerhin ihren Rücken streicheln!

Seit diesem Tag habe ich eine treue Freundin.

Tinka eroberte dann schnell ihr Zimmer. Am liebsten saß sie in ihrem Karton oder Körbchen auf dem Schrank und schaute aus dem Fenster. Wir haben dann ein sehr schönes Begrüßungsritual entwickelt, wie ich es bisher in dieser Intensität von einer Katze noch nicht kannte. Sobald sie mich hörte, schob  das Kätzchen ihren Kopf aus dem Karton nach vorne mir entgegen. Der Schrank war genau bei mir auf Augenhöhe, so dass Tinka ihr Köpfchen erst an meiner linken Wange reiben konnte, dann unten herum an meinem Kinn vorbei zur rechten Seite überging, das mehrfach wiederholte und mir am Ende über die Nase schleckte. Das fand ich so goldig – nunja, das Schlecken wäre nicht nötig gewesen – dass ich öfter in das Zimmer rein oder wieder rausging als eigentlich nötig gewesen wäre. Unermüdlich zog unser Kätzchen jedes Mal das Begrüßungsritual. Der Couchtisch war schnell abgemeldet.

Nachdem Tinka knapp zwei Wochen bei uns war, ließen wir sie aus dem Zimmer. Die Treppe nach unten hatten wir versperrt, aber die anderen Zimmer durfte die Kleine frei erkunden. Und das machte sie wirklich. Jeder Schrank wurde untersucht, jede Schublade inspiziert. Besonders hatte ihr es das Badezimmer angetan. Wir nannten sie nur noch „unsere kleine Voyeuse“. Die Toilettenspülung faszinierte sie tagelang und dieser Duschabfluss…irgendwann musste da doch was rauskommen! Und was machten die Menschen da die ganze Zeit – hochinteressant!

Während dieser Zeit entdeckten wir auch Tinkas ganz große Leidenschaft: Fußball! Es wurde wild durch alle Zimmer im Obergeschoss gekickt. Unsere kleine „Maradona“  konnte nicht genug davon bekommen. Zumal, wenn das Bällchen irgendwo verschwand, hatte Katze ja ihre Leute, die es wieder hervorholten. Aber es gab ja auch noch die Galerie, von der aus man wunderbar beobachten konnte, was im Erdgeschoss so vor sich ging. Die Geräusche waren der Kleinen anfangs sehr unheimlich, aber die Neugier siegte. Die Galerie wurde ihr liebster Liegeplatz. Das hatte für uns et was von ständiger Überwachung oder „big cat-sister is watching you“. Sobald man das Haus betrat, war man im Fokus von zwei Katzenaugen. Nichts blieb nichts unbemerkt…

Natürlich warteten wir gespannt, wann unsere neue Mitbewohnerin endlich das Erdgeschoss entdecken würde. Aber die offene Treppe machte ihr sichtlich Angst. Wir lockten sie mit allem, was der Vorratskeller hergab, aber es war nichts zu machen. Wie angewurzelt blieb Tinka vor der ersten Stufe stehen. Ein oder zweimal  transportierten wir die Kleine im Katzenkorb nach unten, wenn sie sich dort gerade niedergelassen hatte. Aber jedes Mal flitzte sie wie der Blitz wieder nach oben. Da ihr das sichtlich missfiel, gaben wir diese Idee auf. Unsere Katzenpatin riet uns dann bei ihrem nächsten Besuch, die offenen Stufen der Treppe abzudecken oder ein Brett drüberzulegen. Das tat ich dann auch am nächsten Tag. Ich legte eine große Decke über die ersten Stufen von oben. Aber erstmal passierte nichts.

Der nächste Tag kam. Es war nun schon fast Weihnachten. Am 23. Dezember hatte ich abends den Baum geschmückt und wollte gerade müde ins Obergeschoss hinaufgehen und den Tag ausklingen lassen. Ich ging in den Flur und…da saß ein Kätzchen vor mir und schaute mich fragend an als wollte es sagen: Ich warte hier schon länger und keiner macht mir die Tür auf – was soll das denn? Sie hatte es geschafft. Sie konnte nun überall dabei sein! An diesem Abend schaute ich amüsiert zu, wie eine kleine Miezekatze die Kugeln am Weihnachtsbaum entdeckte und versuchte, diese abzuhängen, die ich vorher so sorgfältig drapiert hatte. Nein, sie hatte nichts gegen Weihnachten, aber bitte, ein Baum voller Fußbälle! Bällchen überall, wer kann denn da widerstehen?

Nach diesem denkwürdigen Abend hat Tinka das Haus im Flug erobert. Immer interessanter wurde aber die Welt draußen vor dem Fenster! Anfang Januar maunzte die Kleine so sehnsüchtig vor der bodentiefen Terrassentür, dass wir sie auf die Terrasse ließen, mit Begleitschutz natürlich. Anfangs ließ sie sich davon auch noch beeindrucken und kehrte sofort um, wenn wir ihr in den Weg sprangen. Aber irgendwann schlüpfte sie dann doch durch einen Zaun oder eine Hecke in einen Nachbargarten. Ich saß dann mit klappernden Zähnen in der Kälte auf der Terrasse und wartete, bis die kleine Mieze auf einmal wieder hervorkam und schnell ins Haus schlüpfte als wäre sie selbst froh, ihren kleinen Ausflug gut überstanden zu haben. Tinka war immer genau eine halbe Stunde weg, danach konnte man die Uhr stellen.

Bald darauf jagte uns Tinka aber einen sehr großen Schreck ein. Eines Abends hatte es geschneit und wir schauten kurz vor Mitternacht noch fasziniert aus der Haustür in die verschneite Landschaft. Unsere Katze glaubten wir schon selig von Bällchen zu träumend im Körbchen, als auf einmal ein getigerter Blitz an uns vorbeischoss und gerade – als wir begriffen hatten, dass das unsere kleine Mitbewohnerin war – schon im Schnee verschwunden war. Die nächsten drei Stunden verbrachten wir damit, durch den Schnee zu stapfen, hinter alle Hecken und Bäume zu kriechen und in Nachbargärten einzudringen, um Tinka zu suchen. Es war wie verhext, das Tier war weg. Irgendwann hockten wir dick eingemummelt unter unserem Terrassendach und waren schon viel zu müde, um uns weiter gegenseitig die Schuld zuzuschieben, als die kleine Fellnase lässig um die Ecke getrabt kam und direkt ins Wohnzimmer und zum Napf zu tänzelte, wo wohl ein kleiner Mitternachtssnack erwartet wurde. Stets zu Diensten!

In der nächsten Zeit nahmen wir Tinkas Ausflüge leichter. War sie doch unter schlechten Bedingungen wohlbehalten nach Hause gekehrt. Nichtsdestotrotz intensivierten wir das Fußballtraining in der Hoffnung, den kleinen Racker etwas müde zu machen und so größere Exkursionen zu verhindern. Fußball war nämlich gestern, inzwischen war Flummiball angesagt! Was das ist? Nun, Ziel ist, den Flummiball von oben zu erlegen, also höher als das Bällchen zu springen und es quasi mit dem Bauch wieder auf die Erde zu bringen. Die Fähigkeiten unserer Tinka in dieser Sportart haben uns so beeindruckt, dass wir kurzzeitig überlegten, einen eigenen Youtube-Kanal für Katzenflummiball zu eröffnen. Oder Tinka als erste Kreuzung zwischen Katze und Känguruh bekannt zu machen. Aber nach zwei, drei Runden Flummiball wir so erledigt – das Bällchen aus allen erdenklichen Ecken herausholen, mussten natürlich wir –  dass an so etwas nicht mehr zu denken war.

Inzwischen ist Tinka eine routinierte „Draußen-Katze“. Auch nachts geht sie manchmal raus, was ihr eindeutig mehr Respekt von unserem Kater eingbracht hat. Andererseits genießt sie auch die Annehmlichkeiten einer kuscheligen Wohnung, schläft gerne im Bett und lässt sich von oben bis unten durchkraulen, um dann irgendwann beschämt aufzuspringen, da sie durch das Kraulen quasi in Trance geriet und alles andere vergaß. Oft folgt sie mir auf Schritt und Tritt und wirkt eher wie ein kleines Hündchen als wie eine wild aufgewachsene Katze. Sie hört auf ihren Namen und ist ein fröhliches, liebes und sehr zugewandtes Kätzchen. Wir sind sehr froh, dass wir sie haben!

Aber Moment – was sagt eigentlich die Hauptperson dazu, der Chef, unser Kater? Diese Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Anfangs war er völlig fassungslos, da auf einmal eine andere Katze mitten in seinem Revier war, in seinem Haus! Unser Kater ist ein ehemaliger Streuner und ein leidenschaftlicher Draußen-Kater, der seine Revierpflichten sehr ernst nimmt. Wie konnte ihm das passieren? Hatte er nicht gut genug aufgepasst? Von daher war er zunächst nicht übermäßig begeistert, was sich darin zeigte, dass er hoch erhobenen Hauptes an Tinka vorbeistolzierte, wenn sie ihn lieb begrüßen wollte und sie gelegentlich ein wenig scheuchte. Insgesamt schien er diese Stubentigerin nicht sonderlich ernst zu nehmen, war aber auch nie wirklich böse zu ihr. Die Böse war definitiv ich. Ich wurde mit vernichtenden Blicken bedacht. Die Kuschelorgien nach der Arbeit gab es nicht mehr. Der Herr flüchtete so oft er konnte und strafte mich mit Verachtung. Wir kauften Raumdüfte, die für besseres Katzenklima sorgen sollen, beschenkten ihn mit Spielzeug und seinen Lieblingsleckerlis und legten ihm die Welt zu Füßen. Aber das fruchtete nur ganz langsam. Und Tinka? Die Kleine ließ sich davon nicht beeindrucken, begrüßte ihn immer freundlich und rückt ihm bei jeder Gelegenheit auf die Pelle. Der Annäherung stand aber vor allem im Wege, dass unser Kater morgens müde von seinen Reviergängen nach Hause kam und nur eins wolle: Schnell frühstücken – nach einer frisch gejagten Maus schmeckt ein bisschen knuspriges Trockenfutter nochmal so gut – sich dann zusammenrollen und schön schlafen. Am besten wird Kater dabei noch gekrault. Stattdessen war da nun eine quirlige kleine Mieze, die nur ein im Sinn hatte: Fußball mit ihm, dem Kater. Spielen…tse, eine echte Katze fängt nur echte Mäuse…

Inzwischen scheint sie das verstanden zu haben. Wenn er sich hinlegt, ist sie auf einmal auch da und rückt langsam immer näher an ihn ran. Einmal war sie kurz davor, sich an ihn zu kuscheln als er auf einmal doch wach wurde und direkt in ihre Augen schaute. Das war ihm dann doch zu bunt, miauend sprang er auf und versteckte sich in seinem Körbchen. Ein Liebespaar werden die beiden also wohl leider nicht mehr. Obwohl ich mir das sehr gewünscht hatte. Hat unser Kater doch seine Familie – Katzenfrau und Söhnchen – durch einen Umzug verloren und sehr vermisst. Tinka und unser Kater scheinen eher ein Verhältnis zu haben wie zwischen einem erfahrenen dreimalschlauen Onkel – unserem Kater – und der kleinen quirligen leicht nervigen Nichte – Tinka. Jedenfalls haben wir beobachtet, dass er Tinka schonmal ein Mäuschen gebracht hat.  Tinka bekommt auch abends auf der Terrasse Unterricht im Grundstück bewachen. Man sieht ihr an, dass sie viel lieber rumtollen würde, aber unser Kater sitzt und passt auf und dann macht sie das auch. Und wehe, eine der Nachbarskatzen wagt sich in den Garten, dann wird Seite an Seite verteidigt. Auch Lehrstunden im Mäusefangen haben wir schon gesehen. Tinka tollt mit einem Mäuschen  – manchmal auch einem imaginären Mäuschen – über die Terrasse und unser Kater beobachtet das Ganze mit einem Gesichtsausdruck, der Bände spricht…

Böse ist er uns aber nicht mehr. Es wird wieder bei jeder Gelegenheit gekuschelt. Manchmal schlafen die Herren der Familie, der Kater und Tinka friedlich alle zusammen auf dem Sofa. Macht das Leben mit Katze Sinn? Oh ja, und noch mehr mit zweien!